
Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“ (Lk 12,7)
Es gibt Tage, an denen wir uns fragen, ob überhaupt jemand bemerkt, wie es uns wirklich geht. Wir stehen morgens auf, erfüllen unsere Aufgaben, kümmern uns um unsere Familien, gehen zur Arbeit und versuchen, anderen Menschen gerecht zu werden. Nach außen sieht vieles ganz normal aus. Doch innerlich tragen wir manchmal Sorgen, von denen niemand etwas weiß. Vielleicht sind wir erschöpft, vielleicht haben wir Angst vor der Zukunft, vielleicht fühlen wir uns allein. Und manchmal entsteht dabei eine leise Frage: Sieht Gott eigentlich, was ich gerade durchmache?
Im Evangelium vom 16. Oktober 2026 spricht Jesus Worte, die mich persönlich sehr berühren. Er erzählt von kleinen Spatzen, die damals für wenig Geld verkauft wurden. In den Augen vieler Menschen waren sie kaum etwas wert. Und doch sagt Jesus, dass keiner von ihnen vor Gott vergessen ist. Anschließend erinnert er seine Jünger daran, wie viel mehr sie in Gottes Augen wert sind.
Was für eine wunderbare Botschaft! Gott sieht nicht nur die großen Ereignisse dieser Welt. Er kennt auch den einzelnen Menschen. Er kennt seine Lebensgeschichte, seine Hoffnungen, seine Sorgen und seine Verletzlichkeit. Niemand verschwindet für ihn einfach in der großen Menge.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Wert eines Menschen häufig mit seiner Leistung verbunden wird. Wer erfolgreich ist, wird bewundert. Wer viel arbeitet, gilt als wichtig. Wer gesund, unabhängig und leistungsfähig ist, findet oft leichter Anerkennung. Doch was geschieht mit Menschen, die diese Erwartungen nicht erfüllen können?
Ich denke dabei besonders an alte und pflegebedürftige Menschen. Seit vielen Jahren begleite ich Menschen, deren Leben durch Krankheit, Demenz oder körperliche Einschränkungen verändert wurde. Manche können sich nicht mehr verständlich ausdrücken. Andere benötigen bei den einfachsten Dingen des Alltags Unterstützung. Wieder andere haben kaum noch Angehörige, die regelmäßig zu Besuch kommen.
Doch ihre Würde ist dadurch nicht geringer geworden.
Ein Mensch ist nicht weniger wert, weil er seine Erinnerungen verliert. Ein Kind ist nicht weniger wert, weil es für seine Entwicklung besondere Unterstützung benötigt. Ein kranker Mensch ist nicht weniger wert, weil er nicht mehr arbeiten kann. Und ein einsamer Mensch ist nicht weniger wichtig, nur weil niemand mehr nach ihm fragt.
Gerade darin liegt für mich eine der tiefsten Wahrheiten unseres christlichen Glaubens: Unsere Würde ist kein Verdienst. Sie ist uns von Gott geschenkt.
Der Apostel Paulus erinnert uns im Epheserbrief daran, dass wir in Christus zur Hoffnung berufen sind und durch den Heiligen Geist Anteil an Gottes Verheißung erhalten haben (vgl. Eph 1,11–14). Unser Leben erschöpft sich nicht in dem, was andere Menschen über uns denken. Gott ruft uns in seine Gemeinschaft und eröffnet uns eine Hoffnung, die über unser irdisches Leben hinausreicht.
Natürlich bedeutet das nicht, dass unser Leben deshalb immer leicht sein wird.
Vielleicht hast du gerade einen geliebten Menschen verloren. Vielleicht wartest du auf eine Untersuchung und hast Angst vor dem Ergebnis. Vielleicht machst du dir Sorgen um dein Kind, deine Ehe oder deine berufliche Zukunft. Vielleicht gibt es Nächte, in denen du wach liegst und nicht weißt, wie alles weitergehen soll.
Dann möchte ich dir eines sagen: Du musst deine Angst vor Gott nicht verstecken.
Jesus selbst hat im Garten Getsemani Angst und Todesnot erlebt. Er weiß, was menschliche Verletzlichkeit bedeutet. Wenn er uns im heutigen Evangelium zuruft, dass wir uns nicht fürchten sollen, dann ist das keine Aufforderung, unsere Gefühle zu verdrängen. Es ist eine Einladung, unsere Angst nicht allein tragen zu müssen.
Auch der Prophet Elija kannte solche Stunden. Als er erschöpft und verzweifelt in der Wüste lag, begegnete Gott ihm nicht mit Vorwürfen. Ein Engel brachte ihm Nahrung und ließ ihn ruhen. Erst danach konnte Elija seinen Weg fortsetzen (vgl. 1 Kön 19,4–8).
Wie tröstlich ist diese Geschichte! Manchmal brauchen wir keine langen Erklärungen. Manchmal brauchen wir jemanden, der sich zu uns setzt, der uns zuhört oder uns einfach spüren lässt, dass wir nicht allein sind.
Vielleicht handelt Gott gerade durch solche Menschen an uns.
Ich denke auch an Dietrich Bonhoeffer. In seinem Gedicht „Von guten Mächten“ brachte er mitten in einer Situation großer Unsicherheit sein Vertrauen auf Gottes Begleitung zum Ausdruck. Seine Worte sind für mich deshalb so wertvoll, weil sie nicht aus einem sorglosen Leben entstanden sind. Sie sind Ausdruck eines Glaubens, der die Dunkelheit kennt und trotzdem an Gottes Nähe festhält.
Glaube bedeutet für mich nicht, dass wir niemals zweifeln. Er bedeutet auch nicht, dass wir auf jede Frage eine Antwort besitzen. Glaube bedeutet, dass wir uns trotz unserer Fragen und Ängste immer wieder Gott anvertrauen dürfen.
Doch das heutige Evangelium enthält noch einen weiteren wichtigen Gedanken. Jesus warnt seine Jünger vor der Heuchelei. Er spricht damit eine Gefahr an, die auch uns betrifft. Wir können schöne Worte über Liebe und Barmherzigkeit sprechen und gleichzeitig die Menschen übersehen, die unsere Hilfe brauchen. Wir können unseren Glauben öffentlich bekennen und im Alltag doch ungeduldig, hart oder ungerecht handeln.
Ein lebendiger Glaube muss deshalb mehr sein als ein äußeres Bekenntnis.
Er muss unser Herz verändern.
Vielleicht beginnt das damit, dass wir einen Menschen nicht vorschnell beurteilen. Vielleicht damit, dass wir einem einsamen Nachbarn Zeit schenken. Vielleicht damit, dass wir einem pflegebedürftigen Menschen nicht nur seine notwendigen Verrichtungen ermöglichen, sondern ihm auch Aufmerksamkeit und Zuwendung schenken.
Der Apostel Paulus schreibt im ersten Korintherbrief, dass selbst außergewöhnliche Fähigkeiten und große Leistungen ohne Liebe ihren eigentlichen Wert verlieren (vgl. 1 Kor 13,1–3).
Ich glaube, dass diese Worte auch heute eine besondere Bedeutung besitzen. Denn wir können vieles erreichen und trotzdem das Wichtigste übersehen: den Menschen, der uns anvertraut ist.
Wenn Jesus sagt, dass nicht einmal ein kleiner Spatz vor Gott vergessen ist, dann dürfen wir daraus auch einen Auftrag für unser eigenes Leben erkennen.
Wenn Gott keinen Menschen übersieht, warum sollten wir es tun?
Vielleicht gibt es in deiner Umgebung jemanden, der schon lange auf einen Anruf wartet. Vielleicht kennst du einen Menschen, der sich zurückgezogen hat. Vielleicht begegnet dir jemand, der äußerlich stark wirkt, innerlich aber voller Sorgen ist.
Manchmal können kleine Gesten mehr bewirken, als wir vermuten.
Ein freundliches Wort. Ein ehrliches Nachfragen. Ein Besuch ohne Zeitdruck. Eine Hand, die wir einem Menschen reichen.
Wir können nicht alle Probleme dieser Welt lösen. Aber wir können dazu beitragen, dass sich ein einzelner Mensch heute weniger allein fühlt.
Und vielleicht bist du selbst der Mensch, der gerade Ermutigung braucht.
Dann möchte ich dir die Worte Jesu ganz persönlich mitgeben: Du bist bei Gott nicht vergessen.
Du bist mehr als deine Sorgen. Mehr als deine Fehler. Mehr als deine Krankheit. Mehr als die Erwartungen anderer Menschen.
Du bist ein Mensch mit einer unverlierbaren Würde.
Ich glaube von ganzem Herzen und von ganzer Seele, dass Gott uns auch in den Stunden begleitet, in denen wir seine Nähe nicht wahrnehmen können. Das bedeutet nicht, dass jedes Leid sofort endet oder jede Bitte genau so erfüllt wird, wie wir es erhoffen. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gottes Liebe größer ist als unsere menschlichen Grenzen.
Vielleicht ist heute nicht der Tag, an dem sich alle deine Schwierigkeiten lösen. Vielleicht ist heute aber der Tag, an dem du einem anderen Menschen neue Hoffnung schenken kannst. Oder an dem du selbst beginnst, Gottes Liebe wieder ein wenig mehr zu vertrauen.
Nimm dir heute einen Augenblick der Stille. Denke an das, was dich belastet, und lege es im Gebet vor Gott. Und dann frage dich, welchem Menschen du heute zeigen kannst, dass er nicht vergessen ist.
Denn die Botschaft Jesu gilt nicht nur den Menschen, die damals vor ihm standen. Sie gilt auch uns.
Gott kennt dich. Gott sieht dich. Und Gott vergisst dich nicht.
Vielleicht brauchst du heute keine größere Zusage als diese.
