Wenn Gott uns beruft, entdecken wir Gaben, von denen wir nichts wussten
Ein persönlicher Glaubensimpuls über die Berufung Gottes, den Mut zum ersten Schritt und die Fähigkeiten, die uns auf unserem Weg geschenkt sind.
Früher habe ich mich oft gefragt, wie ein Mensch eigentlich erkennt, dass Gott ihn beruft. Wie wissen Priester und Diakone, dass sie diesen Weg gehen sollen? Wie entdecken Ordensfrauen und Ordensmänner ihre Berufung zu einem Leben in Gemeinschaft und im Dienst Gottes? Was bewegt Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten und all die anderen Menschen, die zum Dienst in der Kirche berufen und bestellt sind, dazu, ihr Leben in besonderer Weise in den Dienst des Evangeliums zu stellen?
Ich stellte mir vor, dass diese Menschen vielleicht schon früh genau wussten, welchen Weg sie gehen würden. Vielleicht, so dachte ich, hatten sie von Anfang an besondere Fähigkeiten oder eine Gewissheit, die anderen Menschen verborgen bleibt. Heute sehe ich das anders. Nicht, weil ich alle Antworten auf die Frage nach Gottes Berufung gefunden hätte, sondern weil ich auf meinem eigenen Glaubensweg etwas erfahren habe, das mein Verständnis verändert hat.
Ich habe einen theologischen Kurs absolviert und befinde mich zurzeit in einem Kurs zur Seelsorge. Dabei setze ich mich mit der Heiligen Schrift, dem Glauben der Kirche und der Frage auseinander, wie wir Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen begleiten können. Dieses Lernen ist mir wichtig. Es hilft mir, meinen Glauben zu vertiefen und verantwortungsvoll über ihn zu sprechen. Doch was Berufung für mich persönlich bedeutet, habe ich nicht allein durch das Lernen verstanden. Ich habe es auch erfahren, als ich begann, Dinge zu tun, die ich mir früher niemals zugetraut hätte.
Ich hätte früher nicht gedacht, dass ich einmal Bücher schreiben würde. Ich hätte mir nicht vorstellen können, Videos zu drehen, Glaubensimpulse und Blogbeiträge zu verfassen oder Predigten vorzubereiten. Wenn mich jemand gefragt hätte, ob ich das könne, hätte ich vermutlich geantwortet: „Nein, dafür fehlen mir die Fähigkeiten.“
Und dann habe ich angefangen.
Ich habe meine Gedanken aufgeschrieben, mich vor eine Kamera gestellt und versucht, die Botschaft Jesu in Worte zu fassen, die Menschen in ihrem Alltag erreichen können. Dabei habe ich etwas entdeckt, das mich bis heute bewegt: Ich musste nicht erst ein anderer Mensch werden, um damit beginnen zu können. Als ich den ersten Schritt wagte, entdeckte ich Fähigkeiten, von denen ich zuvor nicht wusste, dass sie in mir angelegt waren.
Als gläubiger Mensch verstehe ich diese Erfahrung als Geschenk Gottes. Ich glaube, dass er mir Gaben anvertraut hat, bevor ich selbst erkannt habe, wofür ich sie einmal einsetzen könnte. Das bedeutet nicht, dass mir von Anfang an alles gelungen wäre. Ich lerne weiterhin, mache Fehler, überarbeite Texte und suche nach besseren Worten. Doch ich durfte erfahren, dass meine frühere Vorstellung von meinen eigenen Grenzen nicht das letzte Wort über meine Möglichkeiten hatte.
Unsere Befähigung kommt von Gott
Der Apostel Paulus schreibt im zweiten Korintherbrief: „Unsere Befähigung stammt vielmehr von Gott“ (2 Kor 3,5).
Paulus spricht dort über seinen Dienst am Evangelium. Er führt ihn nicht allein auf seine eigene Leistung zurück, sondern erkennt Gott als Ursprung seiner Befähigung an. Dieser Gedanke berührt mich. Denn er bewahrt mich davor, meine Fähigkeiten ausschließlich als persönlichen Erfolg zu betrachten. Ich darf mich über das freuen, was ich gelernt und erreicht habe. Zugleich darf ich dankbar fragen, was mir geschenkt wurde.
Eine Gabe Gottes macht einen Menschen nicht größer oder wichtiger als andere. Sie ist auch kein Beweis dafür, dass jeder Gedanke, den dieser Mensch äußert, unmittelbar von Gott stammt. Wer über den Glauben schreibt oder spricht, bleibt verantwortlich für seine Worte. Er muss lernen, die Heilige Schrift sorgfältig auszulegen, den Glauben der Kirche ernst zu nehmen, anderen zuzuhören und sich korrigieren zu lassen.
Gerade deshalb ist mir mein theologischer Kurs wichtig gewesen, und deshalb ist mir auch die weitere Beschäftigung mit der Seelsorge wichtig. Dass ich eine Fähigkeit als Gabe Gottes verstehe, entbindet mich nicht davon, sie gewissenhaft weiterzuentwickeln. Im Gegenteil: Was mir anvertraut wurde, verdient einen verantwortungsvollen Umgang.
Im ersten Korintherbrief beschreibt Paulus, dass es unterschiedliche Gaben, aber denselben Geist gibt. Und er erklärt, wozu diese Gaben dienen: Jedem wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, „damit sie anderen nützt“ (vgl. 1 Kor 12,4–7).
Das ist für mich ein entscheidender Maßstab. Die Frage lautet nicht zuerst: Was kann ich besonders gut? Sie lautet: Wem kann das, was ich kann, helfen?
Wenn ich einen Glaubensimpuls schreibe, wünsche ich mir, dass ein Mensch darin einen Gedanken findet, der ihn aufrichtet. Wenn ich ein Video drehe, hoffe ich, dass jemand die Worte Jesu vielleicht neu hört. Wenn ich ein Buch schreibe, möchte ich Erfahrungen teilen, die anderen Menschen Mut machen können. Ob mir das gelingt, liegt nicht allein in meiner Hand. Aber ich kann mich darum bemühen, meine Fähigkeiten nicht nur für mich selbst einzusetzen.
Gott beruft nicht nur Menschen, die sich bereits bereit fühlen
In der Heiligen Schrift begegnen uns Menschen, die Gottes Auftrag zunächst für zu groß halten. Als Mose gesandt wird, verweist er darauf, dass ihm das Sprechen schwerfällt. Er sieht eine Grenze, die ihn für die Aufgabe ungeeignet erscheinen lässt. Doch Gott antwortet ihm, dass er bei seinem Mund sein und ihn lehren werde, was er sagen soll (vgl. Ex 4,10–12).
Auch der Prophet Jeremia hat Einwände. Er sagt, er könne nicht reden, weil er noch zu jung sei. Gott fordert ihn auf, sich nicht allein von dieser Selbsteinschätzung bestimmen zu lassen, und sagt ihm seine Gegenwart zu (vgl. Jer 1,6–8).
Diese Berufungsgeschichten bedeuten nicht, dass jeder Mensch alles schaffen kann, wenn er nur fest genug glaubt. Sie sind auch keine Aufforderung, die eigenen Grenzen zu ignorieren. Sie zeigen vielmehr: Ein Mensch muss nicht schon zu Beginn alle Voraussetzungen in sich erkennen, um einen ersten Schritt auf Gottes Ruf hin zu wagen.
Das erinnert mich an meinen eigenen Weg. Ich hatte kein fertiges Bild davon, wie ich einmal schreiben oder vor einer Kamera sprechen würde. Ich konnte nicht vorhersehen, was daraus entstehen könnte. Erst als ich anfing, wurde mir bewusst, dass ich mehr Möglichkeiten hatte, als ich angenommen hatte.
Vielleicht ist das bei manchen Menschen auch auf anderen Lebenswegen so. Jemand entdeckt seine Fähigkeit zuzuhören, weil ein anderer Mensch ihm sein Leid anvertraut. Jemand findet Worte des Trostes, obwohl er sich zuvor für sprachlos hielt. Jemand übernimmt eine Aufgabe in der Gemeinde und merkt erst dabei, wie viel Freude es ihm bereitet, Menschen zusammenzubringen.
Nicht jede solche Erfahrung ist bereits eine eindeutige göttliche Berufung. Doch sie kann ein Anlass sein, aufmerksam zu werden und zu fragen: Was wächst hier? Was entspricht dem Evangelium? Was dient anderen Menschen? Und wohin könnte Gott mich durch diese Erfahrung führen?
Gottes Ruf ist nicht immer laut
Wenn ich an Berufung denke, fällt mir auch der Prophet Elija ein. Im ersten Buch der Könige begegnet er Gott am Horeb. Zunächst ziehen ein gewaltiger Sturm, ein Erdbeben und ein Feuer vorüber. Doch die Erzählung verbindet Gottes Gegenwart schließlich mit einem leisen, kaum wahrnehmbaren Geschehen (vgl. 1 Kön 19,11–13).
Ich verstehe diesen Text als Einladung, Gottes Nähe nicht ausschließlich im Außergewöhnlichen zu suchen. Vielleicht erwarten wir manchmal eine unmissverständliche Antwort, bevor wir uns auf einen neuen Weg einlassen. Vielleicht wünschen wir uns eine Gewissheit, die jeden Zweifel beseitigt.
Doch ein Weg kann auch in der Stille beginnen: mit einem Gedanken, der uns nicht loslässt; mit einer Aufgabe, zu der wir uns hingezogen fühlen; mit der Begegnung eines Menschen, der unsere Hilfe braucht. Ob darin tatsächlich ein Ruf Gottes liegt, lässt sich nicht allein aus einem Gefühl ableiten. Es braucht Zeit, Gebet, Prüfung und oft auch das Gespräch mit Menschen, denen wir vertrauen.
Für mich gehört zur Berufung deshalb nicht nur der Mut anzufangen. Dazu gehört ebenso die Bereitschaft, innezuhalten und zu fragen, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Nicht jede Berufung führt in ein kirchliches Amt
Heute weiß ich auch, dass die Frage nach Berufung weiter reicht als meine früheren Überlegungen zu Priestern, Diakonen und anderen kirchlichen Diensten.
Im katholischen Glauben sind alle Getauften dazu berufen, Christus nachzufolgen und durch ihr Leben Zeugnis von ihm zu geben. Die Berufung zum Priestertum oder Diakonat hat dabei eine eigene sakramentale Bedeutung. Sie wird nicht allein durch eine persönliche Überzeugung begründet, sondern bedarf der Prüfung und der Weihe durch die Kirche. Auch die verschiedenen pastoralen Dienste und das Ordensleben haben ihre je eigenen Wege der Vorbereitung, Unterscheidung und kirchlichen Einbindung.
Mein persönliches Erleben beim Schreiben und Verkünden setze ich mit diesen Berufungen nicht gleich. Aber ich habe dadurch besser verstanden, dass Gottes Ruf einen Menschen auf unterschiedliche Weise erreichen kann. Nicht jeder wird zum Dienst am Altar berufen. Nicht jeder schreibt Bücher oder spricht vor einer Kamera. Und doch kann jeder Mensch fragen, wie er mit seinem Leben auf Gottes Liebe antworten kann.
Diese Frage begleitet mich auch in meinem Beruf in der Pflege. Dort besteht mein Dienst oft nicht aus vielen Worten. Manchmal geht es darum, einem Menschen aufmerksam zuzuhören, seine Würde zu achten, ihn zu trösten oder einfach bei ihm zu bleiben. Auch darin kann für mich die Botschaft Jesu sichtbar werden.
Der Glaube wird nicht nur dort weitergegeben, wo jemand ausdrücklich über Gott spricht. Er kann auch dort Gestalt annehmen, wo ein Mensch einem anderen in Liebe begegnet.
Vielleicht erkennen wir unsere Gaben erst im Gehen
Wenn ich heute auf meine früheren Fragen zurückblicke, glaube ich nicht, dass ich das Geheimnis der Berufung vollständig verstanden habe. Ich weiß auch nicht, welche Aufgaben in meinem eigenen Leben noch vor mir liegen.
Aber eines habe ich erfahren: Ich hatte Fähigkeiten vorschnell für ausgeschlossen gehalten, weil ich sie noch nie eingesetzt hatte. Erst als ich anfing, konnte ich sie entdecken. Heute bin ich dankbar dafür und verstehe sie als Gaben Gottes.
Vielleicht geht es dir ähnlich. Vielleicht gibt es etwas, das du gerne tun würdest, dir aber nicht zutraust. Vielleicht möchtest du dich in deiner Gemeinde einbringen, einem Menschen beistehen oder von deinem Glauben erzählen. Vielleicht hast du das Gefühl, dass du dafür nicht die richtigen Worte oder nicht genügend Fähigkeiten besitzt.
Dann musst du nicht sofort eine große Entscheidung treffen. Du darfst mit einem kleinen, verantwortbaren Schritt beginnen. Du darfst lernen, Fragen stellen und um Hilfe bitten. Und du darfst darauf achten, was sich auf diesem Weg entwickelt.
Berufung bedeutet nicht, dass wir von Anfang an alles können. Sie kann auch bedeuten, dass wir im Vertrauen auf Gott entdecken, was er uns anvertraut hat – und lernen, es in Liebe einzusetzen.
Herr Jesus Christus, du kennst meine Fähigkeiten und meine Grenzen. Du weißt, was ich mir zutraue und wovor ich zurückschrecke. Hilf mir, die Gaben zu erkennen, die du mir anvertraut hast. Bewahre mich davor, sie aus Angst ungenutzt zu lassen oder sie nur für mich selbst einzusetzen. Schenke mir die Bereitschaft zu lernen, auf andere zu hören und meinen Weg immer wieder an deinem Evangelium zu prüfen. Zeige mir, wo ich mit meinem Leben und meinen Fähigkeiten anderen Menschen dienen kann. Amen.
Gott geht deinen Weg – auch wenn du ihn gerade nicht erkennen kannst.
